Schwäbisches Tagblatt, 28.3.2007, von Silke Kohlmann

Das Fischen beibringen

Néstor Ríos kämpft auch im peruanischen Hochland für eine gerechte Verteilung von Geldern

Nestor Rios hat einen großen Plan mitgebracht, als er am Montag ins Uhland-Gymnasium kommt. Viele kleine gelbe Quadrate zeigt dieser Plan, Wohnbezirke. Ein Plan - das ist es, was Villa El Salvador von den anderen Elendsvierteln am Rande von Lima unterscheidet. „Villa el Salvador", sagt Rios, für zwei Wochen zu Besuch in Tübingen, „hat sich sehr geordnet und geplant entwickelt." Am Anfang war dieser Plan, ein Plan für eine Wüste. Denn dort wo heute 400 000 Menschen leben, war noch vor einem halben Jahrhundert nichts.

Néstor Ríos kämpft auch im peruanischen Hochland für eine gerechte Verteilung von Geldern„Weil wir nichts haben, werden wir alles machen", sei damals der Leitspruch gewesen, ein Ausdruck von Glauben und Hoffnung. „In die Wüste ziehen, das kann man nicht ohne Hoffnung." Aus der Landbesetzung ist Villa El Salvador entstanden. Bauern aus dem Hochland waren mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Uma gekommen. Südlich der Hauptstadt haben sie sich niedergelassen. Mit Waffengewalt hat die Regierung sie vertreiben wollen, musste die Besetzung aber irgendwann akzeptieren. Inzwischen ist Villa El Salvador als Stadtteil Limas anerkannt.

Nestor Rios hat als Kind die Landbesetzung miterlebt, die zur Gründung Villa El Salvadors führte. In Tübingen berichtete er jetzt über die Entwicklungen der Partnerstadt in Peru.

„Es gab dort nichts", sagt Rios, „Wege, Schulen, eine Gesundheitsversorgung - alles musste erst aufgebaut werden."

Rios ist zum zweiten Mal ins Uhland-Gymnasium (UG) gekommen. Das Tübinger Gymnasium ist Partnerschule von „Fe y Alegria", der Schule, die Rios selbst früher besucht hat und in die heute seine Kinder gehen. Beim ersten Besuch vor 14 Jahren, so erzählt er, hatten die UG-Schüler mit einem peruanischen Fest Geld für „Fe y Alegria" gesammelt. Die peruanischen Schüler hätten ihm damals nicht geglaubt, dass ihre Partnerschule tatsächlich so etwas für sie auf die Beine gestellt hatte. „Heute", sagt Rios, „haben wir uns besser kennengelernt. Heute glauben sie mir."

Fünfzig Schüler des Uhland-Gym-nasiums sitzen Rios gegenüber, aus Spanisch- und Politikkursen der Oberstufe. Viele von ihnen haben Fragen vorbereitet. Wer die Kosten für Schulen in Villa El Salvador übernimmt, will eine Schülerin wissen. Anfangs seien die allein von den Eltern finanziert worden, erklärt Rios. Heute bekämen die Schulen auch staatliche Gelder. Die Eltern seien aber noch oft beteiligt. „Wenn wir darauf warteten, dass der Staat Schulen baut, würden unsere Kinder gar nichts lernen."

Nestor Rios, in früheren Jahren Stadtrat und Leiter des Hauptamtes in Villa El Salvador, ist Fachmann für „partizipativen Haushalt", ein Modell, nach dem in seiner Heimatstadt die Verteilung öffentlicher Gelder geregelt wird, und das Rios inzwischen auch im peruanischen Hochland bekannt macht und fördert. „Parrizipativer Haushalt bedeutet, dass die Bevölkerung Anteil nimmt an den Entscheidungen zum Haushalt", erklärt er. Die Bewohner eines Bezirks entscheiden, welches dringende Problem im eigenen Umfeld gelöst werden muss. Immer geht es dabei um Grundbedürfnisse: Trinkwasser, Gesundheit, Erziehung. „Viele Bedürfnisse und wenige finanzielle Mittel", fasst Rios zusammen. „Da ist es schwierig, langfristige Projekte zu finanzieren." Acht Millionen Büro umfasst der Haushalt von Villa El Salvador. „Wie gibt man die für 400000 Einwohner aus?", fragt Rios in die Runde. Wie die Burger von Villa El Salvador läutert Rios. Das Beteiligungssystem die Möglichkeit zu politischer Partizi- bedeute, dass die Menschen darüber pation nutzen, wollen die UG-Schüler wissen. „Die Menschen erkennen den partizipativen Haushalt als Möglichkeit an, ihre Probleme zu lösen, weil sie selbst aktiv werden können", erläutert Ríos. Das Beteiligungssystem bedeute, dass die Menschen darüber nachdenken müssen, was ihre Probleme sind. „Partizipativer Haushalt heißt nicht Fische verschenken, sondern den Menschen das Fischen beibringen."

Silke Kohlmann