1. Peru: Von der Kolonialherrschaft zur neoliberalen Wirtschaftspolitik

Inhalt folgt...

 

2. Villa El Salvador: Oase der Hoffnung im Wüstensand

Die Tübinger Partnerstadt Villa El Salvador ist ein Stadtteil von Lima mit über 350000 EinwohnerInnen.

Seit 1971 gilt diese von Hochlandflüchtlingen gegründete Ansiedlung im Wüstensand als Vorzeigemodell für Basisdemokratie, Selbstverwaltung und Solidarität. Konkrete Ergebnisse: Gemeinschaftsküchen, Schulen aller Art, Kindergärten, Baumpflanzaktionen, eine Landwirtschaftszone, Wasserleitungen, eine Kläranlage, Elektrizität, Gesundheitsstationen, Altenzentren, ein Kommunikationszentrum und ein Industriepark. Zwei internationale Auszeichnungen erhielt die Gemeinde dafür: Den Spanischen Friedenspreis und die UNO-Auszeichnung „Mensajera de La Paz - Botschafterin des Friedens“.

 

Tübinger Blätter 2007 (Hrsg. Bürger- und Verkehrsverein Tübingen), von Reinold Hermanns

Lokal-globale Partner - Tübingen und Villa El Salvador

Man erreicht den Ort heute nach einer einstündigen Autofahrt vom Flughafen Lima. Irgendwann kommt eine Abzweigung von der Straße Richtung Süden und dann nach einer Weile das Ortsschild: „Villa el Salvador“.

Stadt in der Wüste

Schon in den 50er und 60er Jahren zogen Migranten aus dem Andenhochland in den Distrikt Lima-Stadt. In den 60er und 70er Jahren verstärkte sich die Migration: zunehmende Armut, Furcht vor Erdbeben und vor Terror und Gewalt ließen die Landflucht zur Massenbewegung anwachsen. Es kam zu wilden Landbesetzungen und zum unkontrollierten Anwachsen der Elendsviertel rings um Lima. Unter dem Druck der Ereignisse beschloss die damalige zentralistische Militärregierung, einen Teil des Landes im Süden der Metropole systematisch aufzuteilen und den Siedlern zur Verfügung zu stellen. Dabei gliederte man das Areal in verschiedene Zonen auf – für Handel, Landwirtschaft, Industrie und Wohnen. Die Wohnzone wurde wiederum in Sektoren, Untersektoren, Wohnviertel und einzelne Grundstücke unterteilt - ein modules Siedlungssystem, ausgelegt für 150.000 Menschen; ein Versuch, die wilde Migration in den Griff zu kriegen.

„Stadt des Erlösers“, so nannte sich dieser Stadtteil Limas, der bald auch als „Stadt der Hoffnung“ von sich reden machte. Im Jahr 1983 als eigener, selbstverwalteter Stadtdistrikt anerkannt, wurde Villa vier Jahre darauf von den Vereinten Nationen der Titel „Botschafterin des Friedens“ verliehen.

Heute, über 35 Jahre später, kann man die Chronik von Villa el Salvador im Internet nachlesen. Die Lektüre offenbart auch den berechtigten Stolz auf jene Pioniere aus den Anden, die auf dem Wüstensand ein funktionierendes Gemeinwesen errichtet haben. Fotos dokumentieren die Anfänge damals und die Situation heute. Damals: Ödland, Sand, ein paar Schilfmatten, Zeltplanen und Holzlatten, das Häuflein der Siedler, kein Wasser, kein Licht. Heute: immer noch Ödland, aber bebaut, mit Häusern, Sträuchern, kleinen Bäumen und Straßen. Und mit städtischer Selbstverwaltung, mit einem Gesundheitswesen samt Ernährungs- und Hygieneberatung, mit Schul- und Bildungswesen, einer technischen Universität, einem in ganz Lima bekannten Industrie- und Gewerbepark sowie einem Kommunikationszentrum mit eigenem Radio- und Fernsehsender. Vom anfänglichen Elendsviertel hat sich Villa zu einem in der gesamten Dritten Welt beachteten Modellstadt entwickelt.
Gleichwohl gibt es noch viele Probleme in Villa mit seiner inzwischen fast halben Million Einwohner, von denen über die Hälfte unter dreißig ist. Ein Viertel der Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze, nicht alle haben Wasseranschluss, zu Villas Alltag gehören auch Arbeitslosigkeit und Kriminalität.

Hilfe auch aus Tübingen

Ganz ohne (Entwicklungs-)Hilfe von außen ging und geht es nicht. Überall in der Welt fanden sich Unterstützer des Lebensmodells. So auch in Tübingen, dessen Peru-Arbeitskreis um Walter Schwenninger und Nani Mosquera die Partnerschaft mit Villa in erster Linie zu verdanken ist.

Im Lauf der letzten Jahrzehnte regte man eine Reihe von Hilfsprojekten an. Darunter: ein von der Stadt Tübingen gefördertes Jugendschreinereiprojekt, Ausstellungen über Leben und Alltag in Villa, Studien- und Begegnungsreisen, Benefizkonzerte und entwicklungspolitische Workshops. Hervorzuheben ist die langjährige Partnerschaft zwischen dem Uhland-Gymnasium und Villas vom pädagogischen Konzept Paolo Freires geprägte Partnerschule „Fé y Alegria“.

Aus der jahrzehntelangen Projektpartnerschaft wurde nun, mit Wirkung des von Villas Bürgermeister Jaime Zea Usca und Tübingens Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer am 23. September unterzeichneten Vertrags, eine reguläre Städtepartnerschaft. Für Tübingen ist es mittlerweile die zehnte, für Villa el Salvador die vierte; Tübingens Vorgänger dort sind das französische Rezé, das spanische Santa Coloma de Grámanet und das niederländische Amstelveen.

Autor: Reinold Hermanns
Quelle: Tübinger Blätter 2007, Hrsg. Bürger- und Verkehrsverein Tübingen

 

3. Die Städtepartnerschaft: Vom ersten Besuch 1982 in Villa El Salvador bis zur Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages im Jahre 2006

Unter dem Motto „Voneinander lernen“ pflegt der Peru-Arbeitskreis im Aktionszentrum Arme Welt (Weltladen) seit mehr als 20 Jahren die partnerschaftlichen Beziehungen mit Villa El Salvador. Peru-Tage mit Vorträgen, Ausstellungen, Konzerten, Filmen und anderem haben stattgefunden. Neun entwicklungspolitischen Studienreisen mit der Volkshochschule sind durchgeführt worden. Es gab Gegenbesuche von unseren PartnerInnen. Das Goetheinstitut organisierte einen Ökodialog in Villa El Salvador. Ein wichtiger Schritt war der Beschluss des Gemeinderats über ein dreijähriges Jugendschreinereiprojekt für didaktische Materialien in Villa El Salvador. Im Rahmen der Lokalen Agenda 21 mit Unterstützung des Umwelt- und Verkehrsministeriums aus dem Ländle ist das saubere und faire Baumwollprojekt mit der Frauenorganisation von Villa El Salvador FEPOMUVES durchgeführt worden. In Peru leidet die nationale Ökonomie unter den billigen Importen von chinesischen Textilien.

Schwäbisches Tagblatt, Tübingen, Montag, 25. September 2006

Ein Ort der Würde in der Wüste

Tübingens Städtepartnerschaft mit Villa el Salvador in Peru ist besiegelt

TÜBINGEN (alb). Zehn Urkunden unterzeichneten Ober­bürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer und Jaime Zea Usca, ihr Kollege aus der peruanischen Großstadt Villa el Salva­dor. Und damit ist die zehnte Städtepartnerschaft von Tü­bingen seit Samstagnachmittag perfekt. In mancher Hin­sicht ist sie eine Premiere.

Zwanzig Jahre hat Walter Schwenninger (dritter von rechts) auf diesen Festakt gewartet: Am Samstag besiegelten OB Brigitte Russ-Scherer und ihr Kollege Jaime Zea Usca (zweiter von rechts) aus Villa El Salvador die Partnerschaft beider Städte. Bild: Faden

Walter Schwenninger, Grünen-Bundestagsabgeordneter der ersten Stunde und ehemaliger Stadtrat, mal wieder im Fotografenlicht - schon das ein Indiz für das Besondere die­ser Städtepartnerschaft. Das Ehepaar Schwenninger dolmetschte nicht nur, Walter Schwenninger hatte am Samstag im Tübinger Rathaus auch offiziell das Wort, als Vertreter des Peru-Arbeitskreises.
Seit 20 Jahren gibt es vom Aktionszentrum Arme Welt Kontakte zu Villa el Salvador. Und auch andere Institu­tionen wie die Volkshochschule oder das Uhland-Gymnasium pflegen seit langem einen lebendigen Austausch. Die offizielle Partnerschaft adelt auch dieses Bürgerengagement - das es wiederum der Stadt leichter macht, die nun besiegelte Partnerschaft auf breitem Fundament abzusichern.
Denn die Distanz ist sehr groß. Nicht nur wegen der vielen tausend Kilometer zwischen beiden Städten. Wohl von keinem anderen Land mit einer Tübinger Partnerstadt leben so wenig Staatsangehörige in Tübingen: 23 Peruaner sind hier gemeldet, 19 weitere mit Doppelstaatsbürger­schaft. Vor allem: Villa el Salvador ist eine Stadt in denkbar größtem Ge­gensatz zu Tübingen.
1971 erst ist sie 20 Kilometer süd­lich von Perus Hauptstadt Lima ent­standen, im Wüstensand am Pazifik. Jaime Zea Usca ist ein typischer Ein­wohner dieser Stadt. 1973 kam er dorthin, dreizehnjährig, mit seinen Eltern - Bauern aus dem Hochland, die wie viele andere in der Nähe der Hauptstadt auf eine bessere Existenz hofften. Landflucht ist normal in Peru. Das Besondere an Villa el Salvador aber ist, dass es die Einwohner weitgehend aus eigener Kraft schafften, eine Selbstverwaltung und eine beachtliche Infrastruktur aufzubauen. Wie Jaime Zea Usca sagt: „Wir haben die Wüste in einen Ort der Würde verwandelt."
Er selber hat aktiv als Leiter von Jugendgruppen mitgeholfen. Motiviert hat ihn dabei auch die Theologie der Befreiung, die mit Gustavo Gutierrez einen peruanischen Vordenker hat:
„Ich habe begriffen, dass der Glaube hilft, die Wirklichkeit zu erkennen."
Die Kirche hat dem mittellosen Jaime Zea Usca ein Stipendium gegeben, er konnte so an der renommierten katholischen Universität von Lima Soziologie studieren. Danach arbeitete er als Sozialarbeiter. 1984 wurde er in den Gemeinderat gewählt (dem gehören nur 15 Räte an), im Januar 2003 wählten ihn die Einwohner in das Bürgermeister-Amt. Dort hat er zur Zeit eine Gemeinsamkeit mit seiner Tübinger Kollegin: Auch er stellt sich gerade zur Wiederwahl, am 19. November.
Tübingen hat Jaime Zea Usca, der am vergangenen Dienstag hier eintraf, sehr gut gefallen: die geschichtliche Ausstrahlung, das Grün - „und jeder kennt hier jeden". Kontraste zu seiner Heimat: Villa el Salvador hat 400 000 Einwohner und jede Menge Probleme. 100 000 Bewohner haben keinen Wasseranschluss. Es gibt nur 17 000 industrielle Arbeitsplätze, dafür aber 120000 Schüler, denn 59 Prozent der Einwohner sind jünger als 30 Jahre. 100 000 Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze, 50 Prozent der Kinder unter fünf Jahren sind nicht gesund. „Aufgrund der ungerechten Struktur der Welt leben wir in verschiedenen Welten," sagt der Bürgermeister. „Trotzdem haben wir viel Potential und Kräfte, die uns die Hoffnung geben, dass wir uns verbessern."
Und er hofft auf „solidarische Zusammenarbeit". Was aber kann Tübingen tun? Walter Schwenninger kündigte die Gründung eines Partnerschaftsvereins an. Wichtig sei zum Beispiel eine Zusammenarbeit in Bereich Gesundheit. Dazu gehört ein auch ein gutes Abwassersystem.
Immerhin hat Villa el Salvador als einzige peruanische Stadt am Meer eine Kläranlage, und Jaime Zea Usca hat sich auch in der Tübinger Kläranlage umgesehen. Vielleicht können die Stadtwerke weiterhelfen? „Das wäre ein wunderbares Projekt", findet Brigitte Russ-Scherer.
Darüber hinaus, so Tübingens Oberbürgermeisterin, seien Städtepartnerscharten auch politisch sehr wichtig: „Ich hoffe, dass gute Städte-Netzwerke es schaffen, den Frieden zu sichern. Je näher die Städte sich kennen, umso schwieriger ist es für Regierungen, Krieg zu führen." Dem stimmt auch Jaime Zea Usca voll und ganz zu: „Unsere Zusammenarbeit wird dazu beitragen, Frieden in der Welt zu schaffen."