Junge Tübingerin unterrichtet ein Jahr lang peruanische Schüler in Villa El Salvador
Reutlinger General Anzeiger(GEA) , 1. Juli 2005, von Astrid Langer
Projektpartnerschaft – Junge Tübingerin unterrichtet ein Jahr lang peruanische Schüler in Villa El Salvador
Anstoß im fernen Peru fürs Studium
TÜBINGEN. Wenn sie von ihren Erlebnissen der zurückliegenden Monate zu. erzählen beginnt, tritt ein Strahlen auf ihr Gesicht und sie beginnt begeistert zu berichten. »Komisch, wie schnell ich mich dort zu Hause gefühlt hab, obwohl ja schon alles anders ist. Aber schön anders.« Dabei leuchten ihre blauen Augen und zeigen, dass sie, Juliane, ihre Zeit in Peru nicht so schnell vergessen wird.
Neun Monate verbrachte die ehemalige Schülerin des Tübinger Uhland-Gymnasiums in Villa El Salvador, einem Stadtteil der peruanischen Hauptstadt Lima. Neun Monate unterrichtete sie Schüler, lebte in einer einheimischen Gastfamilie und lernte Land und Leute kennen. Während viele Gleichaltrige nach dem Abitur in die USA oder nach Frankreich gehen, wollte Juliane etwas ganz anderes sehen und bewarb sich eigen¬ständig bei der Partnerschule ihres Gym¬nasiums, in Villa El Salvador. Die Leiterin des Peru-Arbeitskreises in Tübingen, Nanni Schwenninger, half ihr dabei, den Kontakt zu der dortigen Direktorin herzustellen. Der Arbeitskreis setzt sich dafür ein, den Tübingern die peruanische Kultur mittels Vorträgen und Studienreisen näher zu bringen.
Von Julianes Idee, an der Partnerschule als Lehrerin zu arbeiten, war auch die dortige Direktorin begeistert und vermittelte sogar eine Gastfamilie, bei der sie wohnte. Die Eltern hatten ebenfalls keine Einwände, ihre Tochter für ein Jahr in ein Entwicklungsland gehen zu lassen. »Die waren schon abgehärtet von meiner Schwester, die war schließlich ein Jahr zuvor in Costa Rica«, lacht Juliane.
Gastfreundlich und offen
Von August 2004 bis Mai 2005 arbeitete die junge Frau an der peruanischen. Partnerschule, gab Englischunterricht und bastelte mit jüngeren Schülern. Stolz zeigt sie Bilder von sich und den Kindern, auf denen sie gemeinsam Weihnachtskarten ausschneiden. Obwohl sie anfangs kaum Spanisch konnte, seien alle offen und aufgeschlossen gegenüber ihr als Ausländerin gewesen, sogar zu Familienfesten ihrer Schüler wurde sie eingeladen. »Die Peruaner sind viel aufgeschlossener als wir Deutschen, einfach viel gastfreundlicher“, findet sie rückblickend.
Auch. mit der Gastfamilie verstand sich Juliana hervorragend. Sie erzahlt von den traditionellen Familienfeiern, die ganz anders gefeiert werden als hier zu Lande. An Silvester hätten sich alle gelbe Unterwäsche geschenkt, und zwölf Weintrauben essen müssen mit einem Neujahrswunsch für .jede. Auch Puppen aus alten Kleidern; zu basteln, die dann mit Benzin übergossen und verbrannt werden, sei eine Silvestertradition, um die bösen Geister zu vertreiben.
»Wenn ich nicht in einer Familie gewohnt hätte, hätte ich das alles gar nicht mitgekriegt, das war schon toll.« Wehmütig zeigt sie einen leuchtend grünen Ring, den sie von ihrer Gastmutter zum Abschied geschenkt bekam. Zuletzt fühlte sich Juliane in Peru sogar so wohl,. dass sie ihre blonden Haare dunkel färb¬te, um unter den Einheimischen nicht mehr so aufzufallen.
Schwere Eingewöhnung
Den erwarteten Kulturschock erlebte Juliane nicht bei ihrer Ankunft im Ent¬wicklungsland Peru. Dort hatte sie nur wärmeres Wetter erwartet, da sie nicht bedacht hatte, dass auf der Südhalbkugel im August Winter ist. Erst in Deutschland fiel ihr, die Eingewöhnung schwer. “Bevor man weggeht, stellt man sich ja innerlich darauf ein, dass alles anders ist, aber vor der Rückkehr hat man fast vergessen, wie anders es hier ist.“
Viele Unterschiede, beispielsweise wie klar die Luft und wie grün die Natur im Vergleich zur Wüstenstadt Villa El Salvador ist, realisierte sie erst jetzt. Und auch die Menschen seien anders. »Die Jugendlichen hier in Deutschland sind oft so ironisch. Ironie gibt es in Peru gar nicht«, erzählt sie, und wird dabei nachdenklich.
Wie nachhaltig der Auslandsaufenthalt die 20-Jährige Juliane geprägt hat, wird auch an ihren Zukunftsplänen deutlich.
Da ihr die Arbeit mit den Kindern so viel Spaß gemacht hat, möchte sie ab Herbst Deutsch und Kunst fürs Lehramt studieren.
Und auch andere hat sie durch ihren Aufenthalt inspiriert: im Sommer geht eine weitere Schülerin des Uhland-Gymnasiums für ein Jahr nach Villa El Salvador.