Stellungnahme zur Preisvergabe des Goldenen Bären

Tübingen, März 2008, von Nani Mosquera und Walter Schwenninger

Zur Preisvergabe des Goldenen Bären für den peruanischen Film „Milch des Leids (La Teta Asustada)“ von Claudia Llosa möchten wir folgendermaßen Stellung nehmen:

Wir freuen uns, daß ein peruanischer Film zum ersten Mal bei der Berlinale die höchste Auszeichnung bekommen hat. Für Tübingen sind die Filmemacherin Claudia Llosa und die Schauspielerin Magaly Solier keine unbekannten: Beim letztjährigen CineLatino mit dem Schwerpunkt Peru waren sie mit dem Spielfilm „Madeinusa“ im Programm. Es war ein umstrittener Streifen, weil die andine Kultur in der Karwoche verzerrt dargestellt worden ist. Auch in Peru stritt man/frau darüber.

Wir finden es gut, daß der jetzige Film, der das Thema Gewalt in Peru von 1980 – 2000 mit fast 70 000 Toten und deren Auswirkung und Aufarbeitung in der Gesellschaft  zum Inhalt hat, den Preis bekommen hat. Wie die Wahrheits- und Versöhnungskommission in ihrem Bericht festgestellt hat, waren es die quechuasprechenden Andenbewohner, die am meisten unter den verschiedensten Menschenrechtsverletzungen, darunter auch viele Vergewaltigungen, zu leiden hatten. Menschenrechtsverletzer waren die Militärs und der Leuchtende Pfad.
Die Hauptdarstellerin Magaly Solier singt im Film auf Quechua, der Sprache der Inkas, und macht so die Sprache der Unterdrückten zu ihrem Anliegen.
Es wäre gut und hilfreich für die Partnerschaftsarbeit, wenn der Film baldmöglichst im Museum oder Arsenal gezeigt werden würde.

Gerade heute vor 17 Jahren wurde in unserer Partnerstadt Villa El Salvador die damalige stellvertretende Bürgermeisterin María Elena Moyano vom „Leuchtenden Pfad (Sendero Luminoso)“ umgebracht, weil sie den Mut hatte, gegen die brutale Gewalt desselben zu sprechen. Weltweit hat dieser Mord der Friedenspreisträgerin „Príncipe de Asturias“ viel Aufsehen erregt.
In der Preisverleihung sehen wir eine kulturelle Unterstützung der langwierigen Menschenrechtsarbeit der verschiedensten Menschenrechtsorganisationen in Peru und außerhalb, die den Opfern der Gewalt eine Stimme geben wollen. Immerhin steht der ehemalige Staatspräsident Alberto Fujimori seit über einem Jahr vor dem Kadi in Lima wegen schwerster Menschenrechtsverletzungen in seiner Amtszeit, und bald wird das Urteil gefällt. Der Staatsanwalt fordert 30 Jahre Haft.

 

Kein Biotreibstoff aus Lateinamerika für unsere Motoren

Tübingen, 20.05.08, von Walter Schwenninger

Vom 16.-17. Mai 2008 fand in Perus Hauptstadt Lima der 5. EU-Lateinamerika-Gipfel mit den Hauptthemen Armutsbekämpfung, Klimaschutz und Energie statt. Die Kanzlerin Angela Merkel nutzte diesen Termin für ihre längste Reise ihrer Amtszeit zu diesem hoffnungsvollen aber auch problematischen Kontinent Lateinamerika.BMW-Werbung an der Panamericana/Peru
Nachdem in Brasilien die Biospritgeschäfte, 3 Staudammprojekte und der Ausbau vom Atomkraftwerk Angra dos Rei III für Deutschland unterzeichnet worden waren gings rasch zum Gipfel nach Lima, wo schon ein anderer Gipfel stattfand: Der 2. Unternehmergipfel der EU und Lateinamerika. Immerhin hatte sie etwa vierzig deutsche Geschäftsleute an Bord, wo ich bezweifle, daß Armutsbekämpfung und Klimaschutz auf ihrer Agenda standen. Obwohl Peru 9 % Wirtschaftswachstum hat, hat die Mehrheit der Bevölkerung nichts davon.
Schon am nächsten Morgen konnte man in der Tageszeitung La Republica die Vereinbarung für die weitere Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Peru lesen: Das Platanal-Wasserkraftwerk kombiniert mit Bewässerungskanälen 150 km südlich von Lima im der Provinz Cañete, wo im August 07 das verheerende Erdbeben sich ereignete. Die deutschen Investoren der Vereinigten Bioenergie-AG(Verbio) wollen 400 MillionenUS-$ für dieses Wasserprojekt, das auch Elektrizität liefern soll, beisteuern. 27 000 Hektar sehr trockener Flächen sollen dabei für ein Landwirtschaftsprojekt bewässert werden. Wer gedacht hatte, daß dabei der Hunger bekämpft wird, hat sich gewaltig geirrt: Der Regionalpräsident von Lima, Nelson Chui, erklärte, daß diese 27 000 Hektar für die Produktion von Äthanol vorgesehen sind. Alles in der Küstenregion, wo schon seit Jahren Entwicklungspolitiker klagen, daß eine exportorientierte Landwirtschaft(Spargel, Paprika, Erdbeeren, Tomaten) in umweltzerstörerischer Monokultur und unter unsozialen Produktionsbedinungen keine Zukunft hat.

 

Wieczorek-Zeul in Villa El Salvador

Tübingen, März 2008, von Nani Mosquera und Walter Schwenninger

Bundesentwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul war vor Ostern in Villa El Salvador, Tübingens Partnerstadt in Peru

Im Rahmen ihrer 3-tägigen Perureise vor Ostern machte die Ministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit am 19.März einen Abstecher nach Tübingens Partnerstadt Villa El Salvador.

Bundesentwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul von Bürgermeister Jaime Zea begrüßtDer Partnerschaftsverein hatte sie im Vorfeld über die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Tübingen und dem Elendsviertel im Wüstensand informiert und hatte mit dem Botschafter in Lima ein diesbezüglichen Gespräch geführt.

Jaime Zea, der Bürgermeister von Villa El Salvador stellte der Ministerin 3 aktuelle EU-Projekte vor, die im Rahmen des Propoli-Programm für Armutsbekämpfung in etlichen Elendsvierteln in Lima durchgeführt werden.

  • Bono verde – grüner Bonus, ein ökologisches Abfallbeseitigungsprojekt eine Art Kommunalsteuererlaß.
  • Mujeres emprendedoras – Frauen als Unternehmerinnen.
  • Simplificación administrativa para la licencia de funcionamiento – Schnellere Erlaubnis für Geschäftseröffnungen.

Dies teilte uns Jaime Zea in einem Telefongespräch mit.

Vom 16./17. Mai wird in Lima der EU-Lateinamerika-Karibik-Gipfel stattfinden. an dem Bundeskanzlerin Merkel teilnehmen wird. Ein Alternativer Gipfel der Bewegung ist ebenfalls ins Auge gefaßt.

Der Partnerschaftsverein hatte eine 6-wöchige Perureise nach Lima und ins Erdbebengebiet im Februar bis Anfang März unternommen. Ein ausführlicher Bericht folgt in den nächsten Wochen.

 

Nani Mosquera und Walter Schwenninger

 

ps: Das Foto wurde uns von der Stadtverwaltung in Villa El Salvador zugesandt.

 

Erdbeben in Peru – Hilfe für Villa El Salvador

Presseinformation der Stadt Tübingen, 21.09.2007 (Nummer 253 / 2007, www.tuebingen.de/presse)

Oberbürgermeister Boris Palmer ruft zur Hilfe auf für Tübingens Partnerstadt Villa El Salvador. In einem gemeinsamen Aufruf mit dem Partnerschaftsverein bittet er um Spenden für die Erdbebenopfer in Peru. Die Stadt Tübingen wird sich mit 2.000 Euro am Wiederaufbau der Schulen in Villa El Salvador beteiligen. „Auch wenn unsere Partnerstadt selber relativ glimpflich davon gekommen ist, sind wir sehr beeindruckt von der Solidarität der Menschen dort, die ihrerseits Hilfsaktionen starten für den weitaus stärker betroffenen Süden des Landes“, sagte er. Gleich nach dem Bekanntwerden des Erdbebens in Peru hatte die Tübinger Stadtverwaltung in der Partnerstadt Villa El Salvador nachgefragt, wie stark die Kommune betroffen sei. Inzwischen hat Oberbürgermeister Boris Palmer die folgende Antwort seines Amtskollegen Jaime Zea Usca erhalten:


Mein sehr verehrter Freund, geehrter Herr Bürgermeister,

Über Ihre Worte der Solidarität (..) habe ich mich sehr gefreut. Wir schätzen diesen Ausdruck der Sorge des Bürgermeisters unserer Partnerstadt und werden Ihr Mitgefühl und das der Bürger Tübingens nie vergessen. Der Beistand, den wir am nötigsten brauchen, ist Hilfe für den Wiederaufbau der Schulen von Villa El Salvador, deren Außenwände und Dächer zusammengestürzt sind. In anderen Fällen weisen die Wände und Säulen der Klassenzimmer Risse auf. Für ebenso wichtig halten wir es, den Städten im Süden zu helfen, wie zum Beispiel Imperial Canete, Nuevo Imperial, Chincha Lunahuaná. Wir schicken einige Bilder mit sowohl aus Villa El Salvador als auch aus dem Süden. Wir bereiten eine überschlägige Kostenaufstellung vor für die Wiederherstellung der Schulen, die am meisten betroffen sind und für die Unterstützung der Städte im Süden.

Mit herzlichen Grüßen,
Jaime Zea Usca

Bürgermeister von Villa El Salvador
Auch das Landestheater Tübingen (LTT) wird helfen. Beim Theaterfest am Samstag, 22. September 2007 gibt es eine Kostümversteigerung, deren Erlös den Erdbebenopfern in Villa El Salvador zugute kommen wird.

Spenden für die Erdbebenopfer:
Partnerschaftsverein Villa El Salvador- Tübingen e.V.
Konto: 1328169, BLZ: 64150020, KSK Tübingen, Stichwort: Erdbebenhilfe für Peru

 

Fußball geht auch ohne Sprache

Schwäbisches Tagblatt 12.Juli 2006

Erstmals sind Jugendliche der peruanischen Partnerstadt Villa El Salvador in Tübingen zu Gast

TÜBINGEN. Die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland machte auch diese Begegnung möglich: Erstmals konnten Jugendliche aus Villa El Salvador in Peru ihre Schul-Partner vom Tübinger Uhlandgymna-sium besuchen. Villa El Salvador soll im September offiziell die zehnte Partnerstadt Tübingens werden. Die Jugendlichen hatten zuvor in Ber­lin als eins von 22 internationalen Teams an der Weltmeisterschaft der Straßenfußballer für Toleranz teilgenommen.

Noch schnell die roten Mannschaftsjacken übergezogen, damit sie beim Empfang im Rathaus etwas her machen: Die jungen Leute aus Peru sind nicht ohne Selbstbewusstsein. Sie haben einiges erreicht. Als Teilnehmer eines sportpädagogischen Programms mit dem Titel „Deporte y Vida" (Sport und Leben) wurden sie im vergangenen Jahr aus 240 Projekten weltweit für die Teilnahme an der Straßenfußball-Weltmeisterschaft ausgewählt. Im vergangenen Jahr sind sie beim lateinamerikani­schen Straßenfußballer-Turnier in Buenos Aires Vizemeister geworden. Und jetzt in Berlin Platz fünf. Dafür gibt es auch im Tübinger Rathaus anerkennenden Applaus.
Bisher kannte man in Tübingen von Villa El Salvador vor allem „Fe y Alegria", Glaube und Freude, den Na­men einer Modellschule, die seit zehn Jahren mit dem Uhland-Gymnasium in einer Schul-Partnerschaft verbun­den ist. Die Schule, an der Grundsätze der Befreiungspädagogik (Entfaltung der Persönlichkeit, Erziehung zu ge­sellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein) praktiziert werden, ist eine prägende Einrichtung in dem Stadtteil von Lima, der vor allem von Zuwanderer aus dem Hochlandbesiedelt ist.
Von den acht Straßenfußballem (darunter ein Mädchen) im Alter zwi­schen 16 und 21 Jahren sind nicht mehr alle in der Schule. „Deporte y Vida", ein von einem Förderverein für Kinder getragenes Projekt, gibt jungen Leuten Möglichkeiten der sportlichen und kreativen Betätigung. In Villa El Salvador existiert eine ganze Straßeri-fußball-Liga („Pachacamac"), die sich an die Regeln der Straßenfußballer für Toleranz hält. Dazu gehören gegen­seitiger  Respekt,  Konsens  und Schlichtung. Und dass mindestens ein Mädchen im Team vertreten sein muss, dass die Tore der Mädchen doppelt zählen, dass die Tore der Jun­gen nichts gelten, wenn die Mädchen gar keine erzielt haben.

Karen Paredes, 17, ist Mittelstürme­rin. Fußball ist in Peru noch so sehr Männersache, dass es Frauen-Teams gar nicht gibt, zumindest hat sie noch nicht davon gehört. Karen ist von ih­ren anderthalb Wochen in Deutsch­land tief beeindruckt. Es sei ein sehr schönes Land, sagt sie, und dass sie bei der WM, deren Spiele sie mit den anderen auf der Großleinwand ver­folgt hat, für die deutsche Mann­schaft war. „Ich hätte mich gefreut, wenn sie gewonnen hätten, weil sie gut waren, und weil Deutschland Gastgeber war." Ihr Teamkollege Edson Zapata, 17 und Verteidiger, war auch für die Deutschen, aber „die Italiener waren besser". Von Peru sei fußballerisch auch noch einiges zu erwarten: „Eine neue Nationalmannschaft ist gerade im Aufbau." Emanuel Rivera, 18, und Aldair Medina, 16, überlegen, was für sie die auffälligsten Unterschiede zwischen Peru und Deutschland sind: „Das Leben ist ruhiger hier", findet Emanuel, und vielleicht liege das ja an der ungleich besseren Infrastruktur und Technologie. „Es fahren so viele Züge." Weniger Verkehrschaos, das finden sie toll.
Die zwölfköpfige Delegation (vier Betreuer gehören dazu) ist privat bei Familien von Schüler(inne)n unter­gebracht. Am UG erfreut sich Spa­nisch als Unterrichtsfach inzwi­schen einiger Beliebtheit. Für Ver­ständigung ist also gesorgt, auch wenn Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer die Sport-Begegnung eigens dafür lobte, dass sie die „Grenzen des sprachlichen Austauschs überwindet".